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30.09.2020
02.05.10

Zur Missbrauchsdebatte

Kategorie:
Nachrichten, Na Röm.-kath. Kirche, Na Kirche im 21. Jahrhundert

von reinhold nöth

Seit Wochen beherrscht das Thema sexueller Missbrauch in der Kirche die Schlagzeilen. Fast täglich werden neue Fälle aufgedeckt. Für die Kirche bedeutet dies »die härteste Krise seit 50 - 60 Jahren« wie Bischof Algermissen von Fulda es formuliert hat, eine »globale Katastrophe«, wie die SZ urteilt.

Natürlich sind jetzt viele Maßnahmen wichtig und notwendig, um einen Weg aus dieser Misere zu finden: Offenheit und Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen; Reue und Bitte um Vergebung gegenüber den Opfern und vieles mehr.

Doch langfristig sind tiefer gehende Reformen unerlässlich, um das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit der Kirche zurückzugewinnen. Gerade in Fragen der Sexualmoral hat die Kirche in den letzten Jahrzehnten ihre Glaubwürdigkeit auch bei ihren kirchentreuen Anhängern weitestgehend verloren. Kaum ein junger Mensch versteht oder akzeptiert die Vorschriften der Kirche zum Thema vorehelicher Geschlechtsverkehr, Verbot künstlicher Empfängnisverhütung, Homosexualität usw. Die sexualfeindliche Einstellung der Kirche, die nur Verbote aufstellt und sonst das Thema Sexualität tabuisiert, ist weltfremd und erreicht heute auch überzeugte Christen nicht mehr. Hier ist ein grundsätzliches Umdenken erforderlich, das auch den Sinn und Wert der menschlichen Sexualität herausstellt. Menschliche Sexualität ist ein Geschenk Gottes, das nicht nur mit dem Begriff »Sünde« zugepflastert werden darf, sondern mit Werten wie Vertrauen, Liebe, Treue, Geborgenheit, Verantwortung etc. geschmückt und bereichert ist.  Und dieses Umdenken betrifft dann auch den Zölibat, der nicht einfach als Zugang zum Priesterberuf zwangsverordnet werden darf, sondern eine freie Entscheidung »um des Himmelreiches willen« bleiben muss, bei der der junge Mensch auch weiß, auf was er und warum er auf den hohen Wert von Ehe und sexueller Praxis verzichtet. Eine Tabuisierung oder Verdrängung der Sexualität ist auch für den zölibatär lebenden Menschen unmöglich und führt dann oft zu solchem Fehlverhalten, wie wir es jetzt immer wieder erfahren.

Vielleicht ist die gegenwärtige Misere der Beginn eines Umdenkens, aus dem die Kirche auch wieder die Kraft zur längst fälligen Erneuerung findet und damit auch langsam wieder an Glaubwürdigkeit gewinnen kann.